Episode 1: Ein Buch, sie alle zu richten – die Bambergische Halsgerichtsordnung von 1507

Ein Buch, sie alle zu richten – die Bambergische Halsgerichtsordnung von 1507 Neu:gierig im Museum

Worum geht’s?

In der allersten Folge unseres Podcasts führt Marlene euch ins Bayerische Nationalmuseum in München. Dort spricht sie mit Ilka Mestemacher über ein rund 500 Jahre altes Buch: die peinliche Halsgerichtsordnung von 1507 aus Bamberg. Peinlich? Halsgericht? Don’t worry, das erklären wir euch alles in der Folge. Außerdem sehen wir uns zwei Illustrationen näher an.

Titelblatt der Bambergischen Halsgerichtsordnung
gedruckt in Bamberg bei Hans Pfeyl 1507
Staatsbibliothek Bamberg, RB.Inc.typ.D.2. Foto: Gerald Raab. CC BY-SA 4.0

Das Titelbild zeigt eine Auswahl an Instrumenten, die in Bamberg in der Zeit um 1507 für das Verhör oder für die Bestrafung eingesetzt wurden. Durch Folter wurden Angeklagte zum Reden gebracht. Schwere Verbrechen wie Diebstahl aus einer Kirche konnten mit dem Tod bestraft werden. Mittelalterliche Methoden? Jein: Die Folter gab es schon im Mittelalter, doch hier befinden wir uns in der sogenannten Frühen Neuzeit.

Oben: Scheiterhaufen, Schafott (Ort für Hinrichtungen), Galgen

Mitte: Zange und Reisigbündel zum Zwicken und „Stäupen“ von Verurteilten auf dem Weg zur Hinrichtung), Pranger, Richtschwert, Rad

Unten: Trockener Zug (womit die hinterm Rücken zusammengebundenen Handgelenke nach oben gezogen wurden) und ein Gewicht dazu, Kette mit Handgelenksfessel, Daumenschraube, (Doppel-)Stock

Illustration gegen bestechliche Richter
Bambergische Halsgerichtsordnung, 1507
Staatsbibliothek Bamberg, RB.Inc.typ.D.2. Foto: Gerald Raab. CC BY-SA 4.0

In der Bambergischen Halsgerichtsordnung geht es nicht nur um kriminelle Bürger, sondern auch um korrupte Richter, die sogenannten Taschenrichter. Eines der Bilder zeigt cartoonartig, wie eine Tasche gefoltert wird. Der Folterknecht sagt, was Sache ist: „Tasch wolt ir lenger leben / Meim hern must ir gelt geben“ (übertragen in heutiges Deutsch: „Tasch, wollt ihr länger leben, meinem Herrn sollt ihr Geld geben“). Die Bambergische Halsgerichtsordnung gilt als Meilenstein des deutschen Strafrechts. Sie wurde weit über die Grenzen Bambergs hinaus benutzt, mehrmals nachgedruckt und als Vorbild für weitere Gerichtsordnungen genutzt.

Wie ist das Buch entstanden und wer steckt dahinter?

Verfasser der Halsgerichtsordnung ist der Ritter Johann Freiherr von Schwarzenberg. Er arbeitete im Auftrag des Bamberger Fürstbischofs Georg III. Schenk von Limpurg. Wie viele Richter der Zeit konnte Johann von Schwarzenberg kein Jurastudium vorweisen, aber als Hofmeister stand er dem Hofgericht des Fürstbischofs vor. In der Halsgerichtsordnung legt der Freiherr fest, welches Vergehen mit welchen Methoden und Strafen verfolgt werden soll. Das war offenbar nötig, denn bis dahin hingen der Strafprozess und das Urteil oft von der Laune eines Richters ab. Übrigens verfasste von Schwarzenberg noch andere Bücher, zum Beispiel über das „Zutrincken“ – darin geht es um die etwas ausartende Tradition der Trinksprüche.

Illustriert ist die Halsgerichtsordnung mit Holzschnitten. Die Technik funktioniert so: Bild oder Text wird spiegelverkehrt auf eine Holzplatte gezeichnet. Alles drumherum wird aus dem Holz geschnitten, sodass nur die gewünschten Linien und Flächen stehenbleiben. Diese Partien werden eingefärbt und auf Papier gedruckt. Die Bilder für die Halsgerichtsordnung hat der Künstler Wolfgang Katzheimer entworfen. Das Schneiden aus der Druckplatte übernahmen die Herren Hamer und Roder, was wir aus erhaltenen Rechnungen wissen. Der Bamberger Hans Pfeyl druckte das Buch.

Die Technik des Holzschnitts zeigt ein Künstler in diesem Video.

Wo kann man sich die Bambergische Halsgerichtsordnung anschauen?

Zu sehen ist die Bambergische Halsgerichtsordnung bis zum 1. August 2021 in der Sonderausstellung „Kunst & Kapitalverbrechen – Veit Stoß, Tilman Riemenschneider und der Münnerstädter Altar“ im Bayerischen Nationalmuseum. Anschließend kommt das Buch zurück in die Bibliothek des Museums. Um es euch dort persönlich anzusehen, müsst ihr einen Termin ausmachen.

Auf den Fotos seht ihr das Bayerische Nationalmuseum, das Buch in der Ausstellung sowie Marlene und Ilka in der Bibliothek des Museums.

Außerdem hat die Staatsbibliothek Bamberg ihre 25 Exemplare aus verschiedenen Auflagen der Halsgerichtsordnung vollständig digitalisiert. Viel Spaß beim virtuellen Blättern!

Die zwei großen Fotos hier im Beitrag zeigen übrigens ein Buch der StaBi Bamberg, denn die Halsgerichtsordnung des Bayerischen Nationalmuseums ist nicht ganz durchfotografiert.

Wo kann man noch mehr darüber erfahren?

Wer noch genauer an Daten, Fakten und Kontext interessiert ist, dem empfehlen wir den Artikel zur Bambergischen Halsgerichtsordnung im Historischen Lexikon Bayerns.

Und für die Kunsthistoriker:innen unter euch noch etwas Fachliteratur:

  • Franz Friedrich Leitschuh, Die Bambergische Halsgerichtsordnung. Ein Beitrag zur Geschichte der Bücherillustration, in: Repertorium für Kunstwissenschaft, Bd. 9, 1968, S. 59–70. (online lesen)
  • Robert Suckale, Die Erneuerung der Malkunst vor Dürer, Petersberg 2009, Bd. 1, S. 291–295.

2 Kommentare zu „Episode 1: Ein Buch, sie alle zu richten – die Bambergische Halsgerichtsordnung von 1507

  1. Was soll diese Verhunzung der Sprache? Die Idee des Podcasts ist ja wunderbar, liebe Volontär:aussen…. Übrigens: „Euch“ schreibt man in dem Fall groß!!

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    1. Lieber Herr Niedermaier,
      vielen Dank für das Lob unseres Podcasts!
      Für „Volontär:innen“ haben wir uns entschieden, weil wir uns wünschen, dass sich Zuhörende und Mitlesende jeder geschlechtlichen Identität angesprochen fühlen. Der Doppelpunkt schafft dabei ein flüssigeres Schriftbild als Sternchen oder Unterstrich dies tun, und natürlich steht er im Einklang mit der Schreibweise „neu:gierig“ im Titel unseres Podcasts und Blogs.
      Die Anredepronomen „euch“, „ihr“ usw. können seit der Rechtschreibreform von 1996 klein geschrieben werden. Da unsere Generation die Neue Rechtschreibung in der Schule gelernt hat, liegt für uns die Kleinschreibung tatsächlich näher. Sie ist für uns kein Zeichen der Unhöflichkeit, sondern der persönlichen, lockeren Kommunikation.
      Genderdiskurse und Sprachentwicklung spielen in unserem Podcast allerdings höchstens am Rande eine Rolle, und dann eher aus historischer Perspektive. Über die Themen der Museumswelt diskutieren wir daher an dieser Stelle viel lieber. Sie sind herzlich eingeladen, sich daran zu beteiligen.
      Mit freundlichem Gruß,
      Marius Wittke & Ilka Mestemacher

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