Episode 2: Ein unsichtbares Verbrechen – die „Bauernstube“ in der NS-Zeit

Ein unsichtbares Verbrechen – die "Bauernstube" in der NS-Zeit Neu:gierig im Museum

Worum geht’s?

In der zweiten Folge unseres Podcasts besucht Marlene die Neue Pinakothek in München und spricht mit Marius Wittke über die spannende Arbeit, die dort auch hinter umbaubedingt verschlossenen Toren betrieben wird: das Aufspüren unrechtmäßig erworbener Kunstwerke und deren Restitution, also deren Rückgabe an rechtmäßige Eigentümer. Wir nehmen einen aktuellen Fall unter die Lupe und lassen eine betroffene Zeitzeugin zu Wort kommen. Es geht um die „Bauernstube“, ein Ölgemälde von Ernst Immanuel Müller, das einem jüdischen Ehepaar aus Augsburg gehörte und das die Pinakothek in der Nazizeit angekauft hat.

Wem gehörte das Bild?

Ludwig und Selma Friedmann, ehemalige Eigentümer des
Ölgemäldes „Bauernstube“
Fotograf unbekannt, Bildquelle: Jahresbericht 2018 der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, S. 176

Die Provenienzforschung untersucht, zu welchem Zeitpunkt ein Kunstwerk welcher Person gehörte (Provenienz = Herkunft). In der Folge erzählen wir euch, welche Spuren zum ehemaligen Eigentümer der „Bauernstube“ führten. Der erste Anhaltspunkt fand sich in der Ankaufsakte des Museums. Dort taucht der Name L. I. Friedmann auf – Friedmanns gab es aber viele. Die Lösung brachte die Galerie Heinemann, von der sich ein Aufkleber auf der Bildrückseite befindet und deren Kundenkarteien seit 2013 in einer Online-Datenbank zugänglich ist. Dort wird der Käufer als Ludwig J. Friedmann aus Augsburg identifiziert. In Archiven in Augsburg und München konnte dann seine Identität ermittelt und eine Liste seines Hausstandes ausfindig gemacht werden. Im Podcast lernt ihr seine Enkelin Miriam Friedmann kennen, eine der Erbinnen der „Bauernstube“.

Was hat es mit der Liste auf sich?

Lieferschein des Juden Friedmann, Ludwig J.
Staatsarchiv Augsburg, Wiedergutmachungsbehörde für Schwaben, Akten JR Va 1356f
Bildquelle: Jahresbericht 2018 der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, S. 180

Die Liste des Hausstandes ist genaugenommen ein Lieferschein – und gab in diesem Fall den entscheidenden Hinweis. Hier werden diverse Haushaltsgegenstände von Ludwig J. Friedmann aufgeführt, die bei der Räumung seiner Wohnung an die Arbeiterwohlfahrt gingen. Wie ihr auf dem Foto seht, wurde das Objekt mit der Nummer 8 gestrichen, was erstmal nicht groß auffällt. Für eine klare Zuordnung der Daten wurde die gesamte Zeile markiert, und nun fällt auf, dass auch der Wert und die von der Stadt vergebene Nummer fehlen. Diese „Stadtnummer“ findet sich aber gleich zweimal auf der Bildrückseite, woraus ersichtlich wird, dass es sich hierbei um das gestrichene Objekt handeln muss.

Das „Washingtoner Abkommen“

Washingtoner Abkommen, Erklärung oder Konferenz, sagen wir verkürzt. Gemeint sind die „Washington Principles“ vom 3. Dezember 1998, die auf der „Washington Conference on Holocaust-Era Assets“ verabschiedet wurden. Aus der deutschen Bezeichnung der Prinzipien wird der Inhalt ersichtlich: „Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden“. Die Unterzeichnung ist rechtlich nicht bindend und freiwillig. Deutschland verpflichtete sich dennoch in einer eigenen Erklärung am 9. Dezember 1999 die Richtlinien einzuhalten. Dabei geht es in erster Linie darum, NS-verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter aufzuspüren, die Besitzverhältnisse zwischen 1933 und 1945 zu klären und betroffene Kulturgüter zu restituieren, also zurückzuerstatten. Dies sollen die Museen proaktiv leisten, das heißt, aus eigenem Antrieb nachforschen und nicht nur warten, bis jemand Anspruch auf ein Museumsobjekt erhebt.

Wahrscheinlich habt ihr uns trotz Maske erkannt: Marlene und Marius bei den Aufnahmen zur aktuellen Folge.

Vermisste und unrechtmäßig erworbene Kunstwerke können seitdem außerdem auf der Internetseite www.lostart.de gemeldet werden.

Wo befindet sich die „Bauernstube“ heute?

Die „Bauernstube“ ist wieder Eigentum der Familie Friedmann und derzeit im Jüdischen Museum in Augsburg zu sehen.

Wo kann man noch mehr darüber erfahren?

Wer noch genauer an Daten, Fakten, Listen und Bildern interessiert ist, dem empfehlen wir den Artikel zum Restitutionsfall im Jahresbericht 2018 der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen.

Einen ausführlichen Bericht zur Geschichte des Bildes und ein Expertinnengespräch der federführenden Provenienzforscherin Anja Zechel mit Miriam Friedmann und Dr. Barbara Staudinger, Direktorin des Jüdischen Museums Augsburg, findet ihr auf Youtube, wo ihr die Protagonistinnen in einem lebendigen Dialog erleben könnt.

Zum Umgang der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen mit NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern während der Nachkriegszeit empfehlen wir euch das Buch von Johannes Gramlich: Begehrt, beschwiegen, belastend.

Die Fachliteratur findet ihr natürlich auch in gedruckter Form in der Bibliothek eures Vertrauens:

  •  Johannes Gramlich, Begehrt, beschwiegen, belastend. Die Kunst der NS-Elite, die Alliierten und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Wien, Köln  und Weimar 2021.
  • Anja Zechel, Die Lücke war der Beleg. Ein Restitutionsbericht zum „Fall Friedmann“, in: Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Jahresbericht 2018, S. 176–183.

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